Der Junge, der ein Mädchen sein musste

David Reimer sollte dem Sexualforscher John Money als Beweis dienen, dass geschlechtsspezifisches Verhalten keine Frage der Natur sei, sondern eine Frage der Erziehung. Das Experiment endet als Fiasko: David hat sich mit 38 Jahren das Leben genommen.

Von Bernadette Calonego

Vancouver – „Ich habe überlebt.“ Mit diesem Satz hatte sich der Kanadier David Reimer immer wieder selbst zu überzeugen versucht. Davon, dass ihn ein zwölf Jahre dauerndes Experiment im Dienste einer Wissenschaft nicht hat umbringen können.
David Reimer, als Knabe geboren, wurde nach einer missglückten Operation als Mädchen aufgezogen. Er und sein eineiiger Zwillingsbruder Brian sollten Jahre dem renommierten amerikanischen Sexualwissenschaftler John Money als Beweis dafür dienen, dass geschlechtsspezifisches Verhalten keine Frage der Natur sei, sondern eine Frage der Erziehung, der Prägung.
Das einst hochgelobte Experiment endete als Fiasko für die Wissenschaft. Von Anfang an aber war es eine Tragödie für David Reimer. Nun hat nach vielen Jahren des Kampfes um sein wahres Ich das Trauma seiner Kindheit über seinen Lebenswillen gesiegt: Er hat sich mit 38 Jahren in seiner Heimatstadt Winnipeg das Leben genommen. Zwei Jahre, nachdem auch sein Bruder Selbstmord begangen hatte.
Kanadas große Zeitungen haben von Reimers Tod auf den Titelseiten berichtet. Er war auch international bekannt geworden, nachdem der New Yorker Journalist John Colapinto vor vier Jahren David Reimers Biographie veröffentlicht hatte. Zudem gibt es auch einen Film über sein Schicksal.

Das nahm seinen Lauf, als Bruce, wie ihn seine Eltern zunächst nannten, im Alter von acht Monaten ins St. Boniface Hospital von Winnipeg gebracht wurde.
Wegen einer Vorhautverengung war ein kleiner Eingriff notwendig geworden. Bei der Beschneidung kam jedoch ein defektes Elektrogerät zum Einsatz – zu viel Strom verbrannte den Penis des Babys. Das verkohlte Geschlechtsteil fiel stückchenweise buchstäblich ab.
Die Eltern waren verzweifelt. Zufällig sahen sie im Fernsehen den amerikanischen Sexualforscher John Money von der Johns Hopkins Universität in Baltimore, und wandten sich ein Jahr nach der desaströsen Operation an ihn.
Money galt als Koryphäe seines Fachs. Er vertrat die These, das geschlechtsspezifische Verhalten sei allein ein Produkt der Sozialisierung und nicht genetisch festgelegt.
Demzufolge könne ein Kleinkind bis zum Alter von 18 Monaten zu jeder sexuellen Identität erzogen werden.
Die These wurde in den siebziger und achtziger Jahren begeistert aufgenommen, von Wissenschaftlern – und vor allem in der noch jungen Frauenbewegung: Es galt zu untermauern, dass traditionelle Frauenrollen nicht biologisch bestimmt sind.
In Bruce und seinem identischen Zwillingsbruder Brian als Vergleichsobjekt sah Money die ideale Chance, seine These zu beweisen. Der Psychologe überzeugte die blutjungen Eltern, Bruce als Mädchen aufzuziehen.
„Ich sah zu John Money auf wie zu einem Gott“, berichtete die Mutter der Zwillingsbrüder später. Bruce war 22 Monate alt, als seine Hoden operativ entfernt wurden, von da an wurde er als „Brenda“ aufgezogen. Money verbot den Eltern, ihrer „Tochter“ zu sagen, dass sie als Junge geboren wurde.

Aber Brenda rebellierte früh gegen ihre weibliche Identität. Sie benahm sich wie ein Junge, verteidigte ihren Bruder gegen andere, pinkelte im Stehen, wollte keine Puppen, sondern die Spielzeugautos des Bruders.
Brenda wurde eine unglückliche Außenseiterin, die Mitschüler verspotteten sie, sie blieb sitzen. Die ganze Familie litt unter dem dunklen Geheimnis: Der Vater begann zu trinken, die Mutter wurde depressiv, der Bruder gewalttätig, und Brenda war suizidgefährdet. Der Arzt John Money dagegen verkaufte der Welt unterdessen sein medizinisches Experiment als Erfolg und wurde dafür gefeiert.
Erst 1997 enthüllte Moneys Rivale, der Arzt Milton Diamond von der Universität von Hawaii, den Fehlschlag dieses am lebenden Objekt vorgenommenen Versuchs und beschrieb Brendas Kindheit der Verwirrung und Erniedrigung.
Je älter sie wurde, umso mehr widersetzte Brenda, sich den häufigen Besuchen bei Money in Baltimore, wehrte sich gegen entwürdigende Behandlungen und Untersuchungen, deren Sinn beide Kinder nicht verstanden.
Brenda wollte sich keine künstliche Vagina einsetzen lassen, nahm aber auf Anweisung Moneys Hormone, damit ihr ein Busen wuchs. Ihre seelische Not wurde so offenkundig, dass Vater Reimer endlich die Wahrheit sagte.
Die 14-jährige Brenda reagierte erleichtert: Plötzlich ergab alles Verworrene Sinn. Sie nahm sogleich eine männliche Identität an, nannte sich fortan David – wegen des Kampfes von David gegen Goliath. David ließ sich die Brüste wegoperieren und einen künstlichen Penis aus Muskeln und Knorpel des Unterarms rekonstruieren.
David Reimer heiratete schließlich eine Frau mit drei Kindern. Er arbeitete in einem Schlachthaus und bastelte an seinem Auto herum. Doch die Schatten des Missbrauchs in seiner Kindheit ließen ihn nicht los.
Davids Frau Jane trennte sich nach zehn Jahren von ihm, er verlor seine Stelle und viel Geld bei Fehlinvestitionen. David Reimer hat sich, wie erst zwei Wochen später bekannt wurde, am 4. Mai umgebracht. Auf der Beerdigung sagte seine Mutter Janet: „Er war ein Held – er hat es den Ärzten gezeigt.“

John Money, heute 83 und emeritierter Professor, hat sich stets geweigert, Journalisten einen Kommentar zu seinem Experiment zu geben.

(Quelle: SZ vom 18.05.2004)